Ein grauer Freitagnachmittag in Stuttgart. Die Halle ist noch nicht gefüllt, aber bereits spürbar aufgeladen. Als hätte die Location selbst eine Ahnung davon, was ihr bevorsteht. Aus dem Inneren dringen gedämpfte Bässe, Fragmente eines Soundchecks, die sich wie Vorboten durch die Gänge schieben. Es ist diese besondere Zeit vor Konzertbeginn, in der alles möglich scheint.
Im Backstage treffen wir Swiss zum Interview, wenige Stunden vor dem Auftakt der „Punk ist tot“-Tour. Er wirkt entspannt, gut gelaunt und ausgeglichen. Das Gespräch bewegt sich zwischen dem Alltag auf Tour, beiläufigen Absurditäten, besonderen Auftritten und jener pulsierenden Energie, die diese Shows seit Jahren trägt. Oder um aus seinem Song „Punk ist tot” zu zitieren: „Die Konzerte sind so laut, wie wenn Beşiktaş spielt.“ Wenige Stunden später wird sich zeigen, wie recht er damit hat.
Swiss, wie geht’s dir?
Swiss: Gut. Ich bin gesund, das ist bei der Tour immer das Wichtigste. Ich fühl mich topfit und war beim Friseur, Haare sind fresh. Deswegen läuft. Bin guter Dinge.
Hattet ihr eine gute Anreise?
Ja, doch mit leichten Komplikationen. Aber war eigentlich ganz gut. Ist ne gute Truppe, wir haben ne geile Energie, alle haben Bock. Sechs Shows, die schon seit Monaten ausverkauft sind. Da hat man auf jeden Fall Lust.
Sehr schön, was hilft gegen Muskelkater im Mittelfinger?
Ja, weitertrainieren, ne? Immer weitertrainieren.
Was war die absurdeste Inspiration für einen Song?
Ich glaube „Nicht vonna Partei jenehmigt“. Das ist ein Song, den gefühlt nur so sieben Leute kennen. Da haben wir die Leute, die uns immer vorschreiben, wie Punk zu sein hat, als Partei dargestellt, die alles genehmigen muss. Mit so einem Berliner Akzent die ganze Zeit so runtergerattert. Das war schon ziemlich absurd.
Welches Tourmissgeschick sollte man in Ratgebern für Bands unter der Kategorie „unvermeidlich“ aufnehmen?
Das ist ne sehr gute Frage. Ich würde jetzt sagen „trinkt nicht so viel“, aber das ist bei uns tatsächlich Realität. „Scheiß nicht in den Nightliner“, ist bei uns allerdings auch noch nie vorgekommen. Es gibt aber tatsächlich Bands, die gerne mal ne Wurst im Nightliner lassen. Ansonsten weiß ich nicht. Da muss ich passen, mir fällt nichts ein. Die ganzen Klischees treffen auf uns nicht zu, weil wir einfach ne super Truppe sind, die professionell ist. Auch wenn’s nicht so aussieht.
Gibt es einen Song, der live komplett anders funktioniert als im Studio?
Also grundsätzlich ist es so, dass jeder Song, der im Studio funktioniert, auch live funktioniert. Oder andersrum, wir schauen mittlerweile schon im Studio, dass wir nur Songs auf die Platte nehmen, die auch live gut funktionieren. Das merkst du im Proberaum. Dann spielst du das Ding ein und es ist krass, wie sich manche Songs über die Jahre morphen. Wenn ich jetzt zum Beispiel Songs von vor zehn Jahren spiele und die Version von damals höre, dann ist das einfach ein komplett neuer Song geworden. Viel schneller, ganz anders. Aber das passiert manchmal mit einem Song, dass der sich verändert. „Mehr Sein als Schein“ ist zum Beispiel ein richtig guter Song, der live aber überhaupt nicht funktioniert. Der macht keinen Spaß. Oder „Herz auf St. Pauli“ ist auch ein geiler Song, aber wir bekommen ihn live einfach nicht so transportiert. Das ist dann Etwas, das ich die letzten Alben immer versucht habe, auszuschließen. Also, dass ein Song nur mit Bass, Schlagzeug, Gitarre und mir genauso funktioniert, wie man sich das vornimmt.Wenn ein Song mit Gitarre am Lagerfeuer funktioniert, dann funktioniert er auch mit Band und dann funktioniert er live. Dann braucht er nichts extra oder so.
Aber wovon machst Du das abhängig? Merkst Du das dann an der Reaktion des Publikums?
Nee, ich merk das für uns. Du merkst das einfach an dem Spaß, den ein Song beim Spielen macht. Du merkst, ob du Parts hast, die sich einfach nicht so geil anfühlen. Dann funktioniert das nicht so, wie ich mir das vorgestellt habe. Das ist manchmal so, dann hast du irgendwie das Rezept vom Song nicht richtig geknackt, obwohl er gut sein kann, aber das ist dann halt ein Song, den du live nicht so gerne spielst.
Wie oft darf ein Publikum dich enttäuschen, bevor Du sauer wirst?
Boah, ich hab ehrlich gesagt gar nicht mehr so derbe Ansprüche. Wenn man das zehn Jahre lang macht, so wie wir mittlerweile, dann war unser Anspruch am Anfang natürlich, dass, egal wo wir spielen und egal, welche andere Band auf dem Festival dabei ist – wir wollen den krassesten Abriss bieten. Das heißt, am Anfang war man eher enttäuscht, wenn die Leute etwas reservierter waren. Da hab ich dann relativ schnell angefangen mich mit dem Publikum ein bisschen anzulegen oder so. Wir waren ganz am Anfang mal Vorband für so ne Spaßmetal-Kapelle (Anm.d.Red.: J.B.O.) und das war schon ziemlich frustrierend. Die Fans haben uns von Anfang an gehasst und da hab ich dann schon immer geguckt, dass ich auf meine Kosten komme. Wir haben dann also extralange gespielt, ich hab das Publikum die ganze Zeit verarscht und so weiter und so fort. Das ist dann schon etwas, wo man sportlich sagt, okay, ich kriegt mich auf keinen Fall von der Bühne. Ich entscheide, wann ich gehe und bis dahin gehe ich euch richtig auf den Sack. Aber jetzt geht’s eigentlich nur noch ums Level. Ich würde sagen, dass ist bei uns schon immer ne sehr krasse Energie ist. Also es ist so eine Kultur, die selber so gewachsen ist. Die Leute kommen und es ist sehr euphorisch was da passiert. Aber da hast natürlich auch mal Tage dabei, an denen du denkst: Boah, gestern war’s krasser als heute oder so. Aber ich glaube wir reden da von Levels, über die viele andere Bands sich auf jeden Fall freuen würden, auch wenn man mal das Gefühl hat, ich hab’s schon mal doller erlebt.
Ist dir ein Auftritt besonders positiv in Erinnerung geblieben?
Ich muss sagen, die ganze letzte Rutsche. München war ne unfassbar wilde Show. Der Süden ist immer krass. Unsere ersten Shows, bei denen ich dachte, ey, was ist denn hier los, waren tatsächlich in Ostdeutschland und in Stuttgart. Ich weiß noch, wie wir einmal im Keller Klub gespielt haben, da hat ein junges Mädchen aufs Paddleboard von unserem Gitarristen Jakob gekotzt, noch bevor wir den ersten Song gespielt haben. Ein Pärchen im Publikum hatte einfach während der Show Sex. Einer hat sich die Nase gebrochen, hat ziemlich geblutet und ich hatte irgendwann auch Blut auf mir. Aber irgendwie wollte der trotzdem weiterfeiern. Das war schon ne sehr witzige Show, weil wir halt dachten, wow, das ist schon ne sehr wilde Energie hier. Das Konzert hat sich bei mir auf jeden Fall eingebrannt.
Welche gesellschaftliche Entwicklung macht dir aktuell Angst?
Was mir Angst macht ist, dass Wahrheit mittlerweile nur noch eine Form der Meinung geworden ist. Fakten sind nur noch eine Meinung, die man haben kann oder eben nicht. Das heißt, es gibt so viel Meinung da draußen und dadurch findet jeder irgendwie auch einen Weg, etwas, dass ich als objektives Unrecht empfinde, als Recht zu verkaufen und mit „Wahrheit“ zu unterlegen. Das macht mir Angst. Davon zehrt natürlich auch der Populismus. Es fühlt sich so an, als würde sich alles gerade so in Richtung eines Siedepunktes hinzubewegen. Ich kann zwar trotz allem sehr gut abschalten, aber das ist schon etwas, worüber ich mir Gedanken mache. Wenn ich mir vorstelle, dass die AfD in drei, vier Jahren an die Macht kommen könnte, dann ist das schon etwas, das mich besorgt. Ich habe eine Tochter, die nicht deutsch ist und deswegen macht man sich da schon seine Gedanken. Aber keine Ahnung, das sind Sachen, die auch nicht immer unbedingt schlechter werden müssen. Ich glaube, es ist eine Illusion zu denken, es muss jetzt immer alles schlechter werden. Es kann auch besser werden. Ich bin da eigentlich schon optimistisch, dass wir vielleicht auch mal genug gesehen haben und wir uns jetzt mehr darauf besinnen, dass es mit Solidarität, Empathie füreinander und für die Position des anderen – dass es mit gegenseitigem Zuhören doch leichter ist, als wenn man sich die ganze Zeit bekriegt.
Das stimmt. Aber gesetzt den Fall, die AfD kommt in eine Regierungsbeteiligung. Dann gibt es ja mittlerweile nicht mehr allzu viele Länder, weder in der EU, noch weltweit, wohin man noch auswandern könnte. Eventuell noch Spanien, aber dann wird’s auch relativ dünn.
Ja, also… es geht auch immer ein bisschen um Levels. Mein Vater war ja Schweizer, ich habe einen Schweizer Pass. In der Schweiz ist die SVP an der Macht, die natürlich auch furchtbar ist. Aber ich habe trotz alledem irgendwie bei deutschen Rechtsaußen und Rechtsradikalen, für die ich die AfD in weiten Teile auch halte, immer noch andere Vibes als in der Schweiz.
Wie bleibst Du politisch wach ohne innerlich auszubrennen?
Auf der einen Seite interessiert es mich einfach tierisch. Ich find es sehr interessant, wie sich Gesellschaften bewegen. Auf eine Art und Weise ist das auch etwas, das mich hyped. Auch die ganzen Sachen, die schlimm sind – auf eine komische Art und Weise finde ich das aus einer Makrosicht sehr spannend. Ich schaffe es, mich nicht komplett darin zu verlieren oder das Gefühl zu bekommen, dass die Welt untergeht oder es keine Position mehr gibt, in die ich mich retten kann.
Gibt es einen Song, der dir heute unangenehm ist?
Es gibt Songs, die ich so heute nicht mehr machen würde. Aber ich bin nicht so, dass ich irgendwie Songs gemacht habe, bei denen ich jetzt im Nachhinein sage, ich lehne das komplett ab, was ich da gemacht habe. Die sind alle ein Zeugnis der damaligen Zeit, in der ich gelebt habe und natürlich habe ich auch aus Songs gelernt. Gewisse Sachen würde ich heute nicht mehr so sagen, aber das ist bei mir eher so, wenn ich alte Rap-Songs höre. Da denke ich dann, krass wie jung sich meine Stimme anhört oder so. Das verwirrt mich dann eher. Ansonsten bin ich aber niemand, der da ständig zurückblickt und bereut. Ich gucke eher, dass ich die Sachen, die mir nicht mehr so gefallen weglasse und die Sachen, die mir gefallen dazu nehme. Das entwickelt sich über die Jahre immer weiter.
Fair. „Der letzte Schultag“ war der erste Song, den ich von dir gehört habe. Den spielst Du aber live überhaupt nicht mehr, oder?
Nee, vor drei Jahren hab ich ne Rap-Platte gemacht und da waren wir auf ner kleinen Tour. Da hab ich „Der letzte Schultag“ tatsächlich gespielt. Aber das ist eben auch so ein Song, der live nicht so funktioniert, weil er so lang ist. Ich hab beim letzten Mal zwei Parts davon gespielt und das war auch ziemlich cool. Aber das ist schon etwas anderes als Swiss + Die Andern. Der Swiss von damals war schon sehr darauf aus, zu provozieren. Ich wollte mich künstlerisch ausprobieren, in verschiedene Rollen schlüpfen und verschiedene Positionen schaffen. Was ich auch wichtig finde für Kunst. Dass du verschiedene Positionen in den Raum stellt und sagst, hey, guck mal: vielleicht geht ja jemand in die Schule und macht das, weil er auch nicht nett behandelt wurde und vielleicht sind wir als Gesellschaft auch ein bisschen dafür verantwortlich, netter zueinander zu sein. Vielleicht würden dann auch weniger Jungs, denn es sind ja meistens Jungs, in die Schule gehen und um sich ballern.
Gibt es in letzter Zeit ein Ereignis, dass dich so überrascht hat oder ratlos gemacht hat, dass sofort eine Textidee entstanden ist?
Also ich habe in letzter Zeit viele Weltuntergangs-Partysongs geschrieben, weil ich das Gefühl habe, wenn die Welt untergeht, dann ist es unser Ansatz, dass wir dann auf jeden Fall schon tanzend in den Atompilz reingehen wollen. Aber das ist eher so ein Grundvibe, den mir die Welt gibt. Vielleicht geht alles unter, aber das inspiriert mich dann eher zu so Partymusik. Dann lass uns das wenigstens erhobenen Hauptes mit nem guten Soundtrack machen.
Welche Rolle spielt Humor im politischen Songwriting für dich?
Find ich voll wichtig. Das ist allgemein ein Problem, das ich oft mit linker politischer Kunst habe. Dass sie oft sehr borniert, nicht besonders humoristisch ist und sich selbst sehr ernst nimmt mit so einem Linken-Pathos. Ich kann jetzt nur für die linke Szene sprechen. Die rechte Szene ist wahrscheinlich einfach kacke und uninspiriert. Aber das ist etwas, was mir in der linken Kunst ein bisschen fehlt. Weil ich finde, egal, wie stark deine Position ist und wie sehr du denkst, dass du im Recht bist, solltest du trotz alledem auch mit ein bisschen Augenzwinkern daherkommen.
Und wo ist in der Kunst deine persönliche rote Linie?
Ich finde erstmal, dass Kunst sehr viel darf. Wenn Kunst aber in eine Art Propaganda umschwenkt, die anfängt sich nach faschistoiden Strukturen zu sehnen oder rassistisch zu sein oder wenn Kunst dazu auffordert, gewisse Gruppen von Menschen auszugrenzen oder zu jagen, dann ist das für mich eher so, wie ein trojanisches Pferd. Da bekomme ich dann das Gefühl, dass die Kunst nur dazu nutzt, um eigentlich dein Schindluder zu treiben. Aber grundsätzlich finde ich, dass die Kunstfreiheit schon ein wahnsinniges Gut ist, was es zu schätzen und zu bewahren gilt. Es gibt ja diesen Spruch. Ist das von Nietzsche oder von Kant? Ich bin zwar anderer Meinung als du, aber ich würde mein Leben dafür geben, dass du deine Meinung frei aussprechen darfst. Mir fällt gerade nicht ein, von wem das ist, aber ich finde es schon sehr wichtig. Ich glaube, dass Verbote und Tabus noch nie dazu geführt haben, dass das Symptom verschwindet. Nicht über sexuelle Gewalt in der katholischen Kirche zu reden, führt ja nicht automatisch dazu, dass es weniger Übergriffe an jungen Schülern gibt. Das kannst du auf alles beziehen. Über etwas zu reden – von mir aus auch auf eine polarisierende Art und Weise – finde ich immer gut, weil Diskurs immer zu etwas führt. Aber wenn er nur darin endet, dass man sich anschreit und auf seiner Meinung sitzt, wie auf einem Thron, dann bringt das natürlich nichts.
(Anmerkung von Tourmanagerin Karina:) Das ist von Voltaire.
Swiss: Voltaire war das. Wie weit war ich denn weg? Okay krass.
Wer ist dein bester Feind?
Hab ich nicht. Ich glaub, wenn dann, ich selber. Immer mal wieder. Aber sonst hab ich keinen besten Feind.
Was würdest Du auf ein Plakat schreiben, wenn Du morgen vor dem Kanzleramt stehen würdest?
Das ist ne ganz schwierige Frage. Ich glaube, da darf man nicht den Fehler machen, der wie so ein Algorithmus funktioniert. Oder wie ne Bild-Schlagzeile. Dass man was knackiges Schnelles braucht. Bestimmt gäbe es da etwas, das gut passen würde. Eigentlich ziemlich viel, was ich gerne sagen und fordern würde. Vielleicht einen schönen Spruch, der mir sehr gut gefällt: Gleiches Unrecht für alle.
Kickboxen mit Tyler Durden oder Mexican Standoff mit Machine Gun Kelly?
Da würde ich auf jeden Fall das Mexican Standoff mit Machine Gun Kelly machen.
Tanzdemo mit Whitney Houston oder LSD-Trip mit Liam Gallagher?
Boah, ich bin ja überhaupt nicht der Drogentyp, aber LSD-Trip mit Liam Gallagher klingt auf jeden Fall wie etwas, das ich mitgenommen haben will.
Gentlemen’s Club mit Robert De Niro oder Casino mit Al Pacino?
Das ist wirklich schwer. Ich glaube, ich gehe mit Robert De Niro.
Randalieren mit Rosalía oder Tee trinken mit Taylor Swift?
Ey, also ganz einfach: Randalieren mit Rosalía. Die ist schon großartig.
Und letzte Frage: Cornern mit Kurt Cobain oder Bowlen mit Bela B.?
Ich glaube, ich würde mit Bela B. bowlen. Das ist entspannt. Kurt Cobain wäre mir zu unentspannt.
Vielen, lieben Dank für deine Zeit!
Dafür nich, Diggi.
Wer Swiss + Die Andern live erleben möchte, findet hier alle Termine und Tickets für die nächste Tour.

