Josef Hader

Josef Hader gilt als moralische Instanz und ist wohl der bekannteste Kabarettist Österreichs. Mit seinem aktuellen Programm Hader on Ice beweist er einmal mehr, warum er zu den bedeutendsten Künstler:innen des deutschsprachigen Kabaretts zählt. In einer Mischung aus bissigem Witz, melancholischer Tiefe und groteskem Humor schafft er es, sein Publikum zu fesseln und gleichzeitig ein gesellschaftliches Spiegelbild zu erzeugen.

Hader on Ice ist weniger ein klassisches Kabarettprogramm als viel mehr eine One-Man-Show, die von Haders charakteristischem schwarzen Humor durchzogen ist. Das Programm pendelt zwischen skurrilen Anekdoten, beißender Gesellschaftskritik und introspektiven Momenten. Hader entführt das Publikum in eine Welt, die sowohl absurd als auch erschreckend real ist: von der Klimakrise über den digitalen Overkill bis hin zu den alltäglichen Absurditäten des menschlichen Daseins.

Vor seinem Auftritt im Stuttgarter Theaterhaus unterhielten wir uns über die Hölle der Gleichaltrigen, einsame Inseln und Lagerfeuergespräche mit Rechtspopulisten. Im Interview zeigte er sich empathisch, nachdenklich und reflektiert.

Herr Hader, wie geht’s Ihnen? 

Ich bin von einem Jahr gezeichnet, in dem ich zu viel gearbeitet und zu wenig Pausen eingelegt habe. Ich habe zwei verlockende Filmrollen angenommen, mit dem Wissen, dass ich im Sommer keine ordentliche Pause haben werde und im Anschluss direkt die Kabarett-Tour weitergehen wird. Das bedeutet, dass ich momentan ein bisschen abgekämpft bin. Ich habe das aber selbst gewählt und bin dementsprechend auch selbst schuld daran.

Nehmen Sie sich im Anschluss daran eine Auszeit oder geht es genau so weiter?

Ich habe nächstes Jahr von Mitte Mai bis Mitte September eine längere Schreibzeit. Das Schreiben ist für mich eine andere Form von Urlaub, weswegen ich mich darauf freue. 

Ein verurteilter Straftäter zieht bald ins Weiße Haus ein, der Rechtsruck ist global spürbar, die FPÖ wurde jüngst zur stärksten Partei bei der Nationalratswahl in Österreich gewählt. Wie bleiben Sie bei all dem positiv gestimmt? 

Das eine ist, dass ich nicht so werden will, wie die alten Leute gemeinhin sind – oder wie die alten Leute waren, als ich jung war. Damals wurden die immer mutloser und hatten Angst vor der Zukunft. Ich hatte dagegen überhaupt keine Angst vor der Zukunft, weil ich eben jung war. Jetzt ist es so, dass ich mir denke: es ist noch jede Generation irgendwie mit der Zukunft fertiggeworden und man sollte nicht mutlos sein. Wenn ich mich mit jungen Menschen unterhalte, dann sehen sie auch alle die Probleme. Der Unterschied ist aber, dass sie nicht die Mutlosigkeit an den Tag legen, die ältere Leute oft haben, was mich zu dem Verdacht bringt, dass die pessimistische Sicht auf die Zukunft teilweise hormonell bedingt ist.  

Was gibt Ihnen gleichzeitig Hoffnung?

Eigentlich der Blick auf die jungen Leute, die einige Dinge richtig machen. Es gibt natürlich nicht „die“ jungen Leute, sondern sie unterscheiden sich selbstverständlich auch in ihrer Einstellung, gerade auch was die politische Haltung angeht. Aber ich habe überhaupt nicht den Eindruck, dass sie an Politik nicht interessiert sind – oder zumindest nicht weniger stark, als wir es damals waren. Es ist wahrscheinlich einfach so, dass ich für Pessimismus ungeeignet bin. Ich bin gerne ein koketter Zweckpessimist, der sich die Dinge ein bisschen schlimmer vorstellt, als sie kommen – aber das ist etwas Harmloses. Ansonsten bin ich eher ein Optimist und denke mir: „Ach, bis hierher ist es doch gut gegangen“– was natürlich ein Trugschluss sein kann, aber so denke ich eben.    

Inwieweit spielt die Hölle der Gleichaltrigen im Alter von 62 Jahren noch eine Rolle für Sie? Oder anders gefragt, wie können Sie heute mit Gleichaltrigen?

Die Hölle der Gleichaltrigen war nur zwischen dem sechsten und dem zwölften Lebensjahr ein Problem für mich – also in der Grundschule und den ersten paar Klassen danach. Da war ich nicht sozialisiert, weil ich als Kind keine Gleichaltrigen um mich hatte, was daran lag, dass ich auf einem Einzelbauernhof aufgewachsen bin. Außerdem gab es in meinem Heimatdorf keinen Kindergarten. Ab dann ging es ganz gut mit den Gleichaltrigen. Jetzt komme ich eigentlich gut mit ihnen aus – es sei denn, sie werden ein bisschen zu eng. Wenn sie zu viel jammern, wenn sie zu pessimistisch sind, wenn sie sich darüber beschweren, dass jetzt so viele Wörter verboten sind. Wenn sie so ein bisschen klein und eng werden, dann komme ich mit den Gleichaltrigen nicht so gut aus – bzw. ich komme trotzdem mit ihnen aus, muss dann aber ein bisschen über sie lächeln. Ich versuche eben offen zu bleiben, obwohl ich nicht ausschließen will, dass ich irgendwann selbst etwas kleiner und enger werde, das ist der Lauf der Natur. Aber ich versuche so gut und so lange es geht, die Kanäle offen zu halten.   

Wenn Sie die Welt für einen Tag komplett nach Ihren Vorstellungen gestalten könnten: Welche absurde Regel würden Sie einführen?

Das ist eine schwierige Frage, weil ich eigentlich nicht möchte, dass ein Mensch für alle anderen Menschen Regeln aufstellen kann. Sowas wird schnell gefährlich. Abgesehen davon wird das nicht eintreten und damit haben wir schon zwei gute Gründe, sich diese Frage gar nicht erst zu stellen.  

Sie haben mal erzählt, dass Sie während der Schulzeit ständig mit Ihren Lehrer:innen diskutiert haben. Wofür sind Sie ihnen rückblickend dankbar?

Ich ging auf eine Art von Schule, auf der es eine Handvoll guter und mittelmäßiger Lehrer gab – und ein Arschloch. Das ist ein guter Schnitt, würde ich sagen. Wichtig waren für mich die Handvoll richtig gute Lehrer, weil die mir einiges beigebracht haben. Das waren die Lehrer, die Fehler eingestehen konnten. Die Lehrer, die engagiert unterrichteten und die nicht nur Dienst nach Vorschrift gemacht haben. Diejenigen, die ihre eigene Persönlichkeit und Stärken in den Unterricht einfließen ließen, ohne uns ihre Meinung aufzudrängen. 

In Ihrem aktuellen Programm Hader on Ice hält Ihre Bühnenfigur einen längeren Vortrag über die unterschiedlichen Verhaltensweisen von bettelnden Menschen. Sie stellt eine pointierte Theorie über die Vorgehensweise sowie das Ausmaß der Theatralik zwischen Sinti:zzen und Rom:nja und Menschen aus Nigeria auf. Ich habe mich gefragt, was Sie im kreativen Schaffensprozess zu solchen Themen inspiriert. Verarbeiten Sie damit reale Erlebnisse, beispielsweise Gespräche mit anderen Menschen? Oder sind das innere Monologe, die Sie mit sich führen, wenn Sie beim Spaziergang jemand um Geld bittet?    

Es ist eine Bühnenfigur und diese Sätze passieren relativ am Anfang des Programms, in dem es darum geht, einen alten, weißen Mann in seiner ganzen Kleinkariertheit und Selbstgefälligkeit zu etablieren. Das sind Sätze, die ich niemals aus dem Zusammenhang gerissen spielen würde und die auch niemals in einer dreiminütigen Fernsehnummer fallen würden. Das hat zum einen dramaturgische Gründe – man kann in meinem Programm jederzeit Sätze herausnehmen und angreifen, weil diese Sätze für sich genommen nicht korrekt sind. Ich war sehr gespannt zu sehen, was passiert, als ich begonnen habe, das Programm zu spielen. Meine Taktik war eben, keine Ausschnitte zu spielen – oder wenn, dann müssten sie lange genug sein, dass kein Satz missverständlich aufgenommen werden kann. Was bewirkt hat, dass mir bis jetzt noch nie einzelne Sätze um die Ohren geworfen wurden – was ich auch nicht möchte, da ich ja nicht missverstanden werden möchte. Das ist eine Dramaturgie, bei der die Zuschauer in eine Art Unbekümmertheit geraten sollen – über die Witze, die da passieren. Gleichzeitig aber schon im Raum steht, dass das eine nicht nur sympathische Person ist, die da oben auf der Bühne steht. Aber am Ende des Tages ist es eben eine Kunstfigur.  

Welches Sprichwort bringt Sie jedes Mal auf die Palme? Und warum?

Das ist interessant, weil ich Sprichwörter meistens gar nicht so ernst nehme, weswegen sie mich auch nicht so auf die Palme bringen. Im Programm sage ich „Wer schnell hilft, der hilft doppelt. Das geht sich mathematisch nicht aus“ – aber das ist eher ein koketter Witz oder Halbwitz. Ich muss sagen, dass ich die Sprichwörter nie so in mein Leben gelassen habe, dass mich eines davon auf die Palme bringen könnte. Gegen Stehsätze oder auch gegen Glaubenssätze bin ich sehr früh immunisiert worden, weil ich auf eine katholische Schule gegangen bin, die sehr liberal war – für heutige Begriff sogar links-katholisch, das gab es damals – und da glaubt man irgendwann nicht mehr an einzelne Sätze.  

Ist Ihnen der Spruch „Früher war alles besser“ irgendwann mal begegnet?

Das ist das, was alte Menschen manchmal glauben und natürlich ein Trugschluss, weil das Einzige, was besser war, die Tatsache ist, dass sie jünger waren. Es tat ihnen noch nichts weh, der Gürtel fühlte sich noch nicht so eng an und natürlich spielt auch die Tatsache eine Rolle, dass Erinnerung alles verklärt. Genauso wie sich eine in der Gegenwart  langweilige und banale Zeit, in der Erinnerung auf ein paar einzelne Ereignisse verklärt – so ist der Mensch, das kann man auch nicht ändern. Aber ich ärgere mich nicht darüber, weil wir alle so sind. Wer das weiß, kann ein wenig dagegen angehen.   

Wenn Sie 90 Jahre alt werden könnten und ab dem 30. Lebensjahr entweder den Körper oder den Geist eines Dreißigjährigen für die restlichen 60 Jahre behalten könnten. Wofür würden Sie sich entscheiden?

Naja, der Körper verfällt bei mir schneller. Das hoffe ich zumindest, denn es ist natürlich meine Eigenwahrnehmung. Aber ich würde dann wohl den Körper nehmen, weil ich hoffe, dass der Geist ein bisschen später verkümmert. Weil ich ja auch schon ein paar Dinge an meinem Körper spüre, mit denen ich nicht so ganz einverstanden bin. 

Was würden Sie tun, wenn Sie egoistischer wären?

Ich bin eh egoistisch, wie jeder Mensch. Also da muss man sich keine Sorgen machen. Das Problem ist eher, dass man zu egoistisch ist und das eventuell ein bisschen zurückschrauben könnte. Aber die nicht traurige, sondern einfach gültige Wahrheit ist: Jeder Mensch sucht in einer gewissen Weise auch seinen Vorteil und gleichzeitig hat er hoffentlich bestimmte Regeln und Überzeugungen, die ihn zu einem Menschen machen, der an andere denkt. Aber den Egoismus muss man nie steigern, da mache ich mir keine Sorgen.

Welchen bereits verstorbenen Menschen hätten Sie gerne kennengelernt?

Natürlich ein paar Leute, die ich sehr bewundere, wie Ludwig van Beethoven, dessen Musik ich sehr schätze und die mich wahnsinnig in Höhen oder Tiefen werfen kann. Oder Autor:innen, die ich schätze, wie Ingeborg Bachmann oder Franz Kafka. Aber auch Menschen, die ich nur ganz alt kenne, wie meine Großeltern, die ich gerne mal in jünger kennengelernt hätte.    

Das ist ein schöner Gedanke. Sie sind Kabarettist, Schauspieler, Drehbuchautor, Regisseur. Welchen Beruf würden Sie insgeheim schon immer ausprobieren wollen?

Das wäre bei mir sehr wahrscheinlich Dirigent. Ich würde wahnsinnig gerne ein Symphonieorchester dirigieren können und gemeinsam mit den Musikern etwas ganz Besonderes aus der Musik machen. Weil ich erstens klassische Musik sehr mag und zweitens, weil mich immer auch interessiert, wie die Musiker drauf sind. Ich schaue immer, dass ich Plätze über dem Orchester bekomme, wo ich sehe was er und das Orchester miteinander machen und das wäre tatsächlich ein unerfüllter Traum.

Der sich ja eventuell noch erfüllen könnte…

Nein, da ist man chancenlos. Man könnte natürlich so tun, als würde man ein Orchester dirigieren, wenn man zum Beispiel einen Humorabend mit einem Symphonieorchester gestaltet. Man könnte so tun, aber in der Realität würde das nicht passieren, da mache ich mir keine Illusionen. 

Stellen Sie sich vor: Sie sind auf einer einsamen Insel gestrandet. Gemeinsam mit Herbert Kickl. Wer würde länger überleben?

Die ganz realistische Wahrheit ist, dass wir beide überleben würden, wenn wir trotz aller Differenzen zusammenarbeiten und uns helfen würden. Wahrscheinlich würden wir das auch tun, weil einem nichts anderes übrig bleiben würde, wenn man auf einer einsamen Insel strandet. Ich würde mich auch sehr für seine Kindheit, seine Jugend und seine Prägung interessieren, weil ich es sehr interessant finde – bei Leuten, die man überhaupt nicht versteht – in einem Gespräch gegenseitig herauszufinden, wie man zu demjenigen geworden ist, der man heute ist.  

Wahrscheinlich würde es viele Gespräche am Lagerfeuer geben … 

… falls wir Feuer haben.

Ja, das wäre die Voraussetzung. Aber würden Sie versuchen ihn zu verstehen und auch zu überzeugen – versuchen, ihm sein braunes Gedankengut auszutreiben?

Naja, wenn man viel Zeit auf einer einsamen Insel hätte, könnte man zumindest sehr lange Streitgespräche führen, bei denen man dem anderen zuhört und in eine offene Diskussion geht. Das wäre das einzig Spannende – außer der Gefahr vor wilden Tieren – das wäre wahrscheinlich der zweite Suspense. 

Ihr Haus, in dem sich alles befindet, was Sie besitzen, steht in Flammen. Nachdem Sie Ihre Familie und (falls vorhanden) Haustiere in Sicherheit gebracht haben, reicht die Zeit noch aus, um eine Sache aus dem Haus zu holen. Welche wäre das?

Das stelle ich mir gerade so vor. Ich hänge ja nicht so an Gegenständen, aber wahrscheinlich das Bild meiner Familie als ich ungefähr 12 Jahre alt war. Da haben wir ein gemeinsames Familienfoto gemacht, als die Großeltern noch lebten … und eventuell sowas. (deutet auf sein Smartphone) Wahrscheinlich würde ich mein Handy auch noch einstecken.

Ist es nicht interessant, wie abhängig man eigentlich von seinem Smartphone ist? Man hat alles darin gespeichert.

Es hat sich bei mir im Laufe der Jahrzehnte ein bisschen verschärft, weil ich so viel unterwegs bin. Das heißt, ich habe immer meine ganze Arbeit mit mir. Deswegen möchte ich das im Nachhinein eigentlich korrigieren. Wenn ich etwas am Computer geschrieben habe, würde ich als erstes den Computer rausholen, um das Geschriebene nicht zu verlieren. 

Schreiben Sie immer am PC?

Ich schreibe am Vormittag in ein Buch, weil ich das gerne zum Vorbereiten mache. Zum sich ordnen und sich etwas ausdenken. Später schreibe ich dann an einem Laptop, weil ich zu wenig an einem Ort bin. Ich bin ständig unterwegs und pendle auch privat zwischen zwei Städten, deswegen ist das für mich die beste Möglichkeit.

Fällt es Ihnen leicht ständig auf Achse zu sein?

Ja, ich bin jemand, der gerne unterwegs ist. Der vielleicht auch ganz gerne vor etwas davonläuft. Schon seit meiner Jugend.

Würden Sie lieber mit dem Dalai Lama meditieren oder mit Ludwig van Beethoven musizieren?

Ganz klar, das Zweite. 

Philosophieren mit Falco oder Dinieren mit Helmut Qualtinger?

Qualtinger.

Sinnieren mit Klaus Eberhartinger oder Saunieren mit Gerhard Polt?

Gerhard Polt. Das sind bisher sehr leichte Fragen.

Die Bibel mit Martin Luther diskutieren oder die Zauberflöte mit Emanuel Schikaneder inszenieren?

Oh, das ist jetzt hart. Aber hallo, dann schon Martin Luther.

Im Duett heulen mit einem Wolf oder Schach spielen gegen einen wütenden Oktopus?

Ich kann leider nicht Schach spielen. Daher das Erste.

Und zum Abschluss: Wenn Ihr Leben ein Märchen wäre, was wäre die Moral am Ende der Geschichte?

Es war einmal und ist nicht mehr.

Vielen, lieben Dank, Herr Hader für das Gespräch und Ihre Zeit.

Wer Josef Hader kennt, wird dieses Programm lieben – und wer ihn bisher nicht kannte, hat jetzt einen hervorragenden Einstiegspunkt.

Hier geht’s zu den Terminen.

2 thoughts on “Josef Hader

  1. Ich bedanke mich für dieses absolut interessante und kurzweilige Gespräch auf Augenhöhe, mit neuen Einblicken zu einem grandiosen Kabarettisten … Chapeau 🎩

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