Im Wizemann hängt der Geruch von verschüttetem Bier in der Luft, als hätte der Raum selbst die lautstarken Parolen mitgebrüllt. Vor der Halle herrschen eisige Temperaturen, drinnen tropft wenig später der Schweiß von der Decke. ZSK sind zurück in Stuttgart, zwei Shows an einem Tag, erst ein Kinderkonzert mit Konfetti und staunenden Blicken, später pulsierender Abriss für alle, die ihre Wut tanzen wollen.
Mit Feuer & Papier, ihrem achten Studioalbum, sind sie 2025 auf Platz 5 der deutschen Charts gelandet. Kein Zufall, sondern Timing. Während politische Debatten schärfer werden und rechte Parolen wieder selbstbewusst durch Talkshows und Kommentarspalten geistern, liefern ZSK den Soundtrack für alle, die sich damit nicht abfinden möchten. Ihre Songs sind keine Durchhalteparolen, sondern klare Ansagen. Antifaschismus als Selbstverständlichkeit. Solidarität als Praxis. Punk nicht als Pose, sondern als Entscheidung. Im Interview präsentiert sich Frontmann Joshi gut gelaunt und fokussiert. Wir sprechen über die Anfänge von ZSK, die aktuellen Entwicklungen in den USA und seine heimliche Hassliebe.

Joshi, wie geht’s dir?
Müde. Zweite Show heute. Wir haben ja gerade schon die Kindershow gemacht. Aber das wird schon alles wieder, bis es losgeht.
Sind die Kids alright?
Ja, die Kindershows sind schon immer echt total süß und witzig, ist aber ein bisschen anders, als man sich das vielleicht vorstellt. Die gucken einen eigentlich die meiste Zeit mit großen Augen an und sind total überwältigt von allem, ist ziemlich witzig. Aber danach sind die immer sehr happy und alle Eltern schreiben uns, wie toll das war.
Wie kam es eigentlich dazu? Ihr macht das schon seit zwei Jahren, oder?
Nee, sogar noch länger. Also, wir haben ja eigene Kinder und viele Freunde mit Kids und so. Wir haben damals in Berlin eigentlich gesagt, so ja, okay, wir machen eine Show nachmittags nach dem Soundcheck, damit die Kids alle mal sehen können, was die Eltern so tun. Das war total nett, da haben wir noch der Kita Bescheid gesagt und da waren so 70 Leute. Es fanden so toll, dass wir es im nächsten Jahr wieder gemacht haben. Da waren dann schon irgendwie 200 und das Jahr drauf waren es dann 600 Leute, obwohl wir es nie öffentlich angekündigt haben und der Eintritt frei war. Und das ist so groß geworden, dass Leute aus ganz Deutschland gefragt haben: Könnt ihr das nicht auch mal in München machen? Warum macht ihr das nicht in Hamburg? Da haben wir gesagt, Scheiß drauf, wir machen das jetzt einfach. Und jetzt machen wir halt acht so Kindershows und die sind alle ausverkauft und total crazy.
Sehr schön. Gibt es dann auch Moshpits?
Nee, aber die springen rum und wir haben Konfetti und dies und das, das ist schon gut.
Warum schreibt ihr eigentlich keine englischen Songs mehr? In der aktuellen Setlist sind die englischen Songs auch nicht mehr dabei, oder?
Ja, wir hatten ja früher ganz am Anfang mehr englische Songs. Ich fühle mich da mit dem Deutschen einfach wohler. Ich finde das so ein bisschen ehrlicher, verstehen die Leute mehr. Gefällt mir einfach mehr. Ich mache ja alle Texte und ja.
Die USA scheint sich aktuell ja in eine Autokratie zu verwandeln. Würdet ihr aktuell dort auftreten? Es läuft schlecht da, echt. Naja, unser früherer Schlagzeuger wohnt ja dort. Aber nein, also Peter and the test Tube Babies wollten ja gerade rüber und sind an der Grenze sofort abgewiesen worden. UK Subs hatten auch Probleme. Also das wäre mir einfach zu heikel. Da ist man ja direkt Terrorist, wenn man sagt, dass sich gegen Nazis engagieren richtig ist. Also das wäre jetzt vermutlich keine gute Idee, gerade in den USA zu touren.
Ja, schwierig, aber wenn jetzt zum Beispiel Henry Rollins oder Fat Mike anfragen würden, würdet ihr euch das dann eventuell überlegen? Wenn Fat Mike oder Henry Rollins mich irgendwas fragen würden, würde ich egal bei was, ja sagen, glaube ich.
Auch mit dem Risiko, dann eventuell verhaftet zu werden. Na klar. Ich liebe Risiko.
Welcher Faschist hat einen Kuss verdient? Keiner.
Nicht mal einen Pferdekuss? Eins aufs Maul, hat der verdient.
Was ist deine heimliche Hassliebe?
Hmm. Naja, Social Media würde ich sagen. Also das nervt mich schon, das Internet ist einfach ein sehr böser Ort. Aber ich weiß, dass das als Band wichtig ist, da sichtbar und ansprechbar zu sein. Sonst kriegt keiner mehr mit, was du als Band tust. Insofern würde ich sagen, ja, man verbringt natürlich viel zu viel Zeit mit dem Füttern von eigenen Social-Media-Kanälen. Als wir angefangen haben mit der Band, da gab es das alles nicht. Da hat man mal ein Albumcover designt, mal ein Poster, vielleicht mal ein Interview gegeben und das war’s. Da musstest du gucken, dass deine Tourdaten in so Fanzines waren, aber dieses ständig liefern, immer Videos und noch ein Posting und das und das und die ganzen Leute, die einem schreiben zu verarzten, das ist echt sehr zeitraubend. Insofern ja, kommt viel Scheiß, aber. Also das Positive ist halt, du hast den direkten Draht zu den Leuten. Die können dir halt direkt schreiben. Du hast natürlich auch oft sehr schön, weil die Leute schreiben uns auch herzzerreißend schöne Sachen, wie toll das Konzert für sie war, wie gut ihnen das getan hat oder irgendwelche so Sachen, die kriegt man halt mit, das ist natürlich auch schön.
Welche Stadt Backstage riecht am meisten nach Punk?
Berlin. SO 36, klar. Bester Laden. Der Laden ist ja fast 50 Jahre jetzt alt. Es ist irrsinnig, wer da alles schon gespielt hat und wen ich da alles live gesehen habe. Es gibt keinen Club in Deutschland, wo ich mehr Konzerte gesehen habe. Als Zuschauer, als das SO 36 und wir lieben die Leute auch sehr, die da arbeiten und so und Kinder, alle, es ist ein toller Laden. Warst du mal da?
Leider nicht. Ich war generell wenig in Berlin.
Das ist nicht gut. Musst du ändern. Guter Vorsatz fürs neue Jahr. Komm.
Definitiv, ja. Aber ihr habt generell wenig Bock auf Berlin, wenn man dem neuen Album bzw. dem neuen Song trauen darf…
Es ist witzig, wie viele Leute diesen Song nicht verstehen. Wir machen uns über diesen Berlin-Hype lustig. So nach dem Motto: Berlin und dieses Berghain und so. Das ist sozusagen eine satirische Antwort darauf, aber es kommen immer Leute und die sagen, was habt ihr denn gegen Berlin? Ist doch voll die schöne Stadt. Find ich ulkig, kann man nicht mal einen Scherz machen? Naja.
Gibt es Themen, mit denen ihr bewusst anecken möchtet, auch wenn ihr eventuell dann damit Fans verlieren würdet?
Naja, was heißt bewusst anecken? Ich sag mal so: Als Band mit einer klaren Meinung zu ein paar Sachen und einer Band, die auch ab und zu mal öffentlich was sagt zu irgendwas, machst du dir keine Freunde. Also gewinnst du damit keinen Blumentopf. Man kann auch zu allem die Fresse halten und macht sich nicht angreifbar. Aber das ist nichts für uns. Natürlich… würden wir nur über Fressen, Ficken, Alkohol und Fußball singen, würden uns wahrscheinlich sehr viele Festivals einladen. Ja geil, die nehmen wir. So ist es halt. Wir sind die Nörgler, die immer irgendwie auch was zur aktuellen Politik sagen. Ja, damit gewinnt man keinen Blumentopf, aber ist mir auch scheißegal. Wir machen die Sachen, die sich für uns richtig anfühlen und die schön sind. Wenn das manchen Leuten nicht gefällt, dann kann ich damit leben.
Sehr gut. Ihr wart schon für zahlreiche Bands die Vorgruppe oder mit ihnen auf Tour. Unter anderem mit den Dead Kennedys oder Bad Religion, um nur zwei zu nennen. Gibt es ein Ereignis oder eine Geschichte, die dir besonders in Erinnerung geblieben ist aus der Vergangenheit?
Naja, also erstmal, ist das für mich eine Riesenfreude und ein Riesenglück, dass wir mit unserer Band so groß geworden sind oder das Glück haben, dass wir mit super vielen Bands, die für uns total wichtig waren oder auch immer noch sind, dann selbst auftreten und die kennenlernen konnten. Weil fast immer, also in 95 % der Fälle, haben wir halt gemerkt, dass es auch wirklich total nette, tolle Leute sind und dann denkt man so, ja, alles richtig gemacht – gut, dass ich all deren Platten habe. Besonders charmant fand ich das oder richtig schön, fand ich, mit Bad Religion auf Tour zu sein, weil man dann mit Brian Baker sich unterhalten kann, dem Gitarristen, der ja mit 16 bei Minor Threat gespielt hat. Wir haben uns den ganzen Abend über die Zeit bei Minor Threat unterhalten. Das war total spannend, weil, was ist das für eine fantastische Band. Ich liebe ja so diese historischen Stories über wie es in den achtziger und neunziger Jahren war, wo Punk und so alles noch so viel verrückter und ein größeres Abenteuer war. Wir treffen öfter Leute, die aus der Zeit viel erzählen können oder auch die Toten Hosen. Das ist ziemlich geil. Interessiert mich auch gar nicht, wie jetzt die Shows sind. Die sollen mir erzählen, wie abgefahren das in den Achtzigern war und das macht mir sehr viel Spaß immer.
Als ihr mit den Dead Kennedys unterwegs wart, beziehungsweise als Vorgruppe gespielt habt…
Mit den Dead Kennedys haben wir nur eine Show in Mailand gespielt.
Achso, aber war da Jello Biafra noch dabei?
Nee, leider nicht. Das war schon danach. Deshalb war es auch nicht so toll. Jello Biafra habe ich nie kennengelernt, aber ich glaube, er ist ein sehr schlauer, cooler Typ. Und ja, ich bin ein großer Dead Kennedys-Fan.
Aber die waren alle recht zugänglich oder hast du auch schon irgendwie schlechte Erfahrung gemacht?
Dazu sage ich jetzt nichts.
Okay. Gibt es etwas, das ihr der jüngeren Punk-Generation unbedingt mitgeben wollt?
Ja. Genießt einfach ein bisschen dieses Auf-Tour-Sein. Wir treffen immer wieder so Bands, die so komisch, so ganz strikt einen Plan haben. Wir müssen das erreichen und das und wenn wir nicht nach zwei Jahren so und so viel Erfolg haben, lösen wir uns wieder auf. Das ist alles inzwischen so mega abgeklärt und durchgetaktet und wir haben schon, bevor sie ihre erste Probe machen, haben sie schon Management und Equipment für 50.000 Euro. Ich denke mir da immer, hey, genießt doch einfach die Zeit zusammen Musik zu machen und irgendwie unterwegs zu sein. Ihr müsst das nicht ewig so machen. Natürlich wird man ja irgendwann hoffentlich größer, aber ich habe das Gefühl, die verpassen irgendwie was, wenn sie alles so überprofessionell angehen, anstatt auch mal ein bisschen Quatsch zu machen und Spaß zu haben. Das wäre meine Info an die.
Ihr macht das seit 97?
Ja, ist verrückt, oder?
Hattet ihr dann auch noch andere Jobs separat oder habt ihr euch von Anfang an nur auf die Musik konzentriert?
Wir haben die ersten zehn Jahre nur Scheiße gefressen und nie was verdient. Also, natürlich, da war ich als Schüler.
Aber man muss schon auch ein krasses Durchhaltevermögen haben.
Ja, voll. Aber wir lieben diese Musik sehr. Ich wurde damit sozialisiert. Wir sind damit groß geworden. Das gibt mir extrem viel und ich bin super glücklich, dass wir dieses Privileg haben, dass es uns immer noch gibt. Ich kenne so endlos viele Bands, mit denen wir aufgewachsen sind und neben uns waren, die sich vor x Jahren aufgelöst haben. Und wir sind immer noch da. Es läuft so gut wie noch mehr und es ist einfach so, yeah, wunderschön. Ich genieße jeden Tag, einfach auf Tour zu sein oder auch einfach so Musik zu machen. Ich sehe das als Riesengeschenk, das Punk uns geschenkt hat.
Dann hätte ich zum Abschluss noch so Entweder-oder-Fragen, wenn du Lust drauf hast.
Ja, aber ich sage nichts zu anderen Bands.
Skaten mit Derrick von Sum 41 oder Skat spielen mit Bela B?
Bela B kennen wir schon sehr gut. Deshalb Derrick von Sum 41, den habe ich noch nie persönlich getroffen.
Zungenbrecher aufsagen mit Heidi Reichinnek oder Ziegen streicheln mit Annalena Baerbock.
Oh, dann Heidi Reichinnek, die singt immer unsere Lieder ganz brav, habe ich Videos gesehen. Wir haben uns auch mal geschrieben, sie will auch gerne mal zu einer Show kommen, aber ich sehe ein, sie hat sehr viel um die Ohren. Irgendwann klappt es noch.
Dann Schachboxen gegen Putin oder Bare Knuckle Fighting gegen JD Vance?
Oh, ist mir beides zu blöd. Ich möchte beide Personen nie im Leben treffen.
Horrorfilm schauen mit Jim Lindberg von Pennywise oder Urlaub machen mit Farin Urlaub? Dann mit Farin in Urlaub, weil Horrorfilm ist überhaupt nicht mein Ding.
Okay. Super, vielen lieben Dank für deine Zeit.
Sehr gern.

