Deichkind sind weit mehr als nur eine Band – sie sind ein Gesamtkunstwerk. Seit ihren Anfängen in den späten 90ern bewegen sich die Hamburger zwischen Hip-Hop, Electropunk und Performance, stets begleitet von einer ordentlichen Portion Anarchie. Mit extravaganten Bühnenkostümen, die wie Skulpturen aus einer dystopischen Zukunft anmuten und Shows, die Hedonismus perfekt mit Eskapismus in Einklang bringen. Songs wie „Remmidemmi (Yippie Yippie Yeah)” oder „Leider geil” zelebrieren Gesellschaftskritik im neongelben Regenmantel des Exzesses. Deichkind sind ein Spiegel unserer Zeit – laut, bunt, tiefgründig und immer voller Energie.

Vor ihrem Konzert in Stuttgart beantwortete Sebastian „Porky” Dürre unsere Fragen. Wir unterhielten uns unter anderem über Kreativität, Jodelparts und Paranoia.
Moin Porky, wie geht’s Dir?
Mir geht’s sehr gut. Gestern in Zürich war geil, wir haben in einer ausverkauften Riesenhalle gespielt. Ich trink eigentlich immer nur vor Off Days Alkohol, habe gestern aber mal eine Ausnahme gemacht, weil ich morgen zu meiner Family fahre. Die Tour ist fast geschafft und da wollte ich nicht so verstrahlt bei meiner Familie ankommen.
Sehr schön. Ihr seid für eure grandiosen Shows bekannt, die ihr selbst mal als „Kindergeburtstag für Erwachsene“ bezeichnet habt. Was treibt euch an, immer wieder neue kreative Wege zu finden, um eure Shows so außergewöhnlich zu gestalten?
Naja, ich mach ja die Texte und die Musik. Und was mich da antreibt, ist eigentlich die innere Besessenheit, mein Perfektionismus und der Antrieb, es immer weitertreiben zu wollen – auch wenn ich es vielleicht gar nicht mehr müsste. Ein bisschen wie Ahab von Moby Dick – wir jagen da irgendetwas hinterher, wobei bis heute ein bisschen diffus geblieben ist, was es genau ist. Aber wir machen das einfach.

Im Musikvideo von „In Der Natur“ reitest Du am Ende den Strand entlang und entdeckst den Verhandlungstisch von Putin, der im Sand steckt.
Ja, das haben wir in einem toten Nadelwald im Harz und an der Ostsee gedreht. Die Szene ist von Planet der Affen inspiriert, genauer gesagt von der Stelle am Ende, als der Protagonist am Strand reitet und dann die Freiheitsstatue entdeckt, die ebenfalls im Sand steckt.
Wie lang ging der Dreh?
Zwei Tage oder so.
Und wer hatte die Idee mit dem Jodelpart?
Ein alter Freund von mir, Benjamin Dibaba, hatte mir dieses Video ursprünglich mal geschickt. Eigentlich aus Joke, so nach dem Motto: „schau mal, das ist ja weird.“ Im Anschluss hat Philipp das eingebaut. Sowas geschieht collagenmäßig. Man probiert rum und dann passiert sowas einfach beim kreativen Prozess. Du machst ja auch Songs und suchst Sounds – und genauso machst du das auch bei visuellen Elementen. Das Video ist über ein halbes Jahr entstanden, man arbeitet kreativ daran und dann ist es das eben irgendwann.
Ist auf jeden Fall ein richtig gutes Ergebnis geworden. Hattest Du jemals das Gefühl, dass der Druck der Erwartung eure Kreativität hemmt?
Ja. Aber gleichzeitig ist das auch wie bei einem Diamant: unter Druck entstehen nämlich eben solche.
Eure Texte sind oft eine Mischung aus Gesellschaftskritik und Party-Mantra. Wie entscheidet ihr, ob ein Song mehr Denkanstoß oder Abriss wird?
Das entscheidet der Song, nicht wir.
Welche Arbeit würde dich, abgesehen von der des Musikers, garantiert nicht nerven?
Och, ich hab mal überlegt mir einen Foodtruck zu holen – um Crêpes zu verkaufen. Das fand ich irgendwie interessant, wenn man mal bedenkt, dass so ein Crêpe mittlerweile acht Euro kostet. Ziemlich gut, für so ein bisschen Teig – Mehl und Eier. Oder irgendwas im Garten. Ich bin so ein Garten-Heini und hab auch schon als junger Mann an Pflanzen rumgeschnippelt – Gärtner könnte ich mir also auch gut vorstellen. In der Natur.
Gibt es eine Zeile in euren Songs, die ihr irgendwann mal bereut habt?
Ja, in unserem Song „99 Bierkanister“ heißt es: Große Nase, Steffi Graf. So im Nachhinein, wenn sie das hören würde, würde ihr das bestimmt wehtun. Deswegen rappen wir die nicht mehr. Stattdessen heißt es jetzt: Tennisschläger, Steffi Graf. Weil, auch wenn sie sehr berühmt ist, hat niemand über ihre Nase zu richten. Sie ist eine wunderschöne Frau und die Zeile würde ich heute so nicht mehr machen – sie in so ein Bodyshaming-Ding reinziehen. Das macht man nicht, das ist unhöflich.
Das stimmt. Aber beispielsweise „Leider geil“
(im Hintergrund lässt ein moderner Sportwagen den Motor aufheulen)
Würde ich wieder so machen. Fette neue Karre, leider geil – passt alles. Wir erleben hier einen Synchronmoment nach dem anderen.
Bei euren Shows wird mitunter auch mal das eine oder andere Kaltgetränk konsumiert.
Ja, gestern auch. Die Fans haben uns mit Bier beworfen als wir im Fass waren.
Wie bleibst Du da fit? Was ist dein Geheimnis? Elektrolyte? Rollmops?
Vitamin B12. Das Gute ist, dass auf Tour die Kondition immer recht schnell kommt. Mein Körper kennt das und man gewöhnt sich daran. Ich habe oft vor der Show, so gegen 19 oder 20 Uhr einen Tiefpunkt, bei dem man denkt „es geht nicht, ich schaff’s nicht”. Aber dann schaltet sich mein Körpergedächtnis ein und dann kommt man da rein. Das ist dann alles nicht so anstrengend, weil die Show einen auch fit hält. Ist auch gesund.
Und der Kater am nächsten Tag?
Wir trinken nicht mehr viel. In der Band bin ich auch einer der letzten, der trinkt und ich halte mich dann auch nur an Bier und Marihuana. Ich trinke also keinen Schnaps und bin auch nicht so hacke, dass ich nichts mehr merke. Alles in Maßen.
Also auch keine aufputschenden Substanzen?
Nee, auch kein Kokain oder so.
Was hat euch zu „23 Dohlen“ inspiriert?
Tatsächlich Vögel. Wir sind damals durch Berlin gefahren, das weiß ich noch. Da war so ein Steinhaufen, auf dem ziemlich viele Vögel saßen. Und dann kam das so in mein Kopf. In dem Song geht es um Gedankenspiralen und Paranoia – das ist schon so der Inhalt. Das Lied ist mittlerweile aber auch schon 20 Jahre alt.
Ein verurteilter Straftäter zieht bald ins Weiße Haus ein, der Rechtsruck ist global spürbar, die Ampel ist gescheitert. Die AfD liegt in aktuellen Umfragen bei über 20 %. Wie bleibst Du bei all dem positiv gestimmt?
Das ist alles Inhalt. Zwar negativer Inhalt, von dem du da sprichst. Aber ich versuche im Hier und Jetzt zu leben und den Kontakt mit mir selbst aufrechtzuerhalten. Damit wird der Inhalt zweitrangig – ich bin im Kontakt mit dem, was ich bin. Ich bin kein Inhalt, sondern viel mehr das Gefäß, in dem sich der Inhalt befindet.
Aber der Blick in Richtung Zukunft ist ja aktuell nicht besonders rosig…
War er auch schon immer nicht. Ich weiß noch, als Kind durfte ich nicht draußen spielen, weil damals Tschernobyl und der Irak-Krieg war. Es ist zwar alles echt mies, wenn man in die tagesschau guckt, aber ich lass mir meinen Optimismus nicht verderben. Ich bin mit dem Drang geboren worden, etwas Positives zur Welt beizutragen und der ist unverändert da. Darauf kann ich vertrauen, weil ich die nötige Reife habe, dass mich das nicht aus der Spur haut. Es berührt mich zwar, was in der Welt passiert, aber das entfernt mich nicht mehr von mir selbst. Ich bin da mittlerweile stabil. Außerdem bin ich immer für Fragen offen, wenn junge Leute Rat suchen. Das war sicherlich ein Prozess, das heißt, ich war auch mal jung und wackelig. Wenn ich allerdings heute wackele, dann lass ich mich so ein bisschen mitwackeln, aber ich falle nicht um.
Das ist ein schönes Bild. Wie eine Palme am Strand.
Ganz genau so.
Deine Zeit in Amsterdam. In einem Satz zusammengefasst:
ADHS, Skateboard fahren, kein Marihuana. Ich habe als junger Mann gar nicht gekifft, auch nicht als ich in Amsterdam studiert habe. Da habe ich nur gekifft, wenn mich mal Freunde aus Deutschland besucht haben. Ich hab das erst mit Ende 20 vertragen, davor hab ich mich immer sehr unwohl gefühlt und Paranoia davon bekommen. Und jetzt ist es das, was ich daran mag.
Die Paranoia?
(lachend) Jaaa … ist echt so. Huuuh, Geisterbahn, Horror-Show. Ich find das mittlerweile ziemlich witzig.
Crazy! Stell Dir vor, Du bist auf einer einsamen Insel gestrandet – gemeinsam mit Björn Höcke. Wer würde länger überleben?
Wahrscheinlich er, weil er so egoistisch ist, dass er mich irgendwann fressen würde. Ich würde wahrscheinlich, trotz allem, die ganze Zeit den Menschen in ihm sehen – anstelle des Faschisten.
Würdest Du versuchen ihn vom Gegenteil zu überzeugen, also quasi sein braunes Gedankengut aus ihm herauszubekommen?
Ich würde erstmal versuchen es auszusitzen, ob er vielleicht selbst darauf kommt. Weil er auf einer einsamen Insel ja auch auf sich selbst zurückgeworfen sein wird. Er ist für mich ein Mensch, der mit seinen Werten auf die schiefe Bahn geraten ist. Aber er ist ja trotzdem ein Mensch.
Ja, das stimmt. In welchem Film oder welcher Serie würdest Du gerne mitspielen?
Ich lese gerade „Der Untergang der Wager“, ein Roman der um 1700 spielt und in dem es um ein Schiff geht. Richtig geil – ist auch eines der Lieblingsbücher von Barack Obama. Deswegen bin ich jetzt nicht darauf gekommen, sondern mein Bandkollege hat mir das empfohlen und da würde ich gerne mitspielen. Ich mag so Piratengeschichten, wie beispielsweise den Film „Master & Commander“ – da hätte ich sehr gerne mitgespielt. Natürlich als Käpt’n.
Philosophieren mit Thomas Gottschalk oder Dart spielen mit Gerwyn Price?
Wer ist der Zweite? Den kenn ich gar nicht.
Ein professioneller Dartspieler.
Ja, dann auf jeden Fall gegen ihn Dart spielen.
Sinnieren mit Christian Lindner oder Saunieren mit Friedrich Merz?
Ich glaub, da nehm ich den Telefonjoker. Also nichts davon.
Joggen mit Olaf Scholz oder Squash spielen mit Robert Habeck?
Squash mit Habeck.
Welcher Politiker ist für dich der personifizierte Wutboy?
Donald Trump.
Wenn Dein Leben ein Märchen wäre, was wäre die Moral am Ende der Geschichte?
Die Moral von der Geschicht’: Halbe Eier rollen nicht!
Und was wäre die erste Strophe des Gedichts über dein Leben?
Völlig auf Drogen hat er Abi gemacht – ach ja, er hat ja gar kein Abi gemacht.
Herzlichen Dank, lieber Porky für deine Zeit! Und vielen Dank an Managerin Katharina Köhler fürs möglich machen.
Wer Deichkind live sehen möchte – hier geht’s zu den kommenden Shows.

